Wolfgang Kemmler, Institut für Medizinische Physik, FAU Erlangen-Nürnberg

NEUE ZIELGRUPPEN ERSCHLIESSEN MIT GANZKÖRPER-EMS TRAINING: FOKUS AUF SENIOREN?

22.10.2019

NEUE ZIELGRUPPEN ERSCHLIESSEN MIT GANZKÖRPER-EMS-TRAINING: FOKUS AUF SENIOREN?Foto: © Merpics - Fotolia.com
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EMS-Training speziell für Senioren? Spezifische Angebote oder eine gezielte Ansprache für die Zielgruppe Senioren gibt es bislang kaum. Prof. Dr. Wolfgang Kemmler vom Institut für Medizinische Physik an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg wirft die Frage auf, warum das so ist. Die Trainingsmethode Ganzkörper-EMS und die Zielgruppe Senioren passen nämlich auch unter der Lupe der Wissenschaft perfekt zusammen.

 

„Werter Herr Kemmler“, sagte die alte Dame auf der Informationsveranstaltung unserer Bewegungsstudie, „jetzt habe ich 50 Jahre keinen Sport mehr getrieben, dann fange ich mit 70 Jahren auch nicht mehr damit an.“ Noch klarer kann die fehlende Bereitschaft und Einsicht einer Vielzahl von „sportabstinenten“ Senioren, ein regelmäßiges und intensives Körpertraining zu beginnen, nicht in Worte gefasst werden. Der Hinweis, dass ein Körpertraining in jedem Lebensalter effektiv wirkt, wird meist mit Einwänden wie Zeitknappheit, Scham, Schwitzen/Anstrengung, geringe Leistungsfähigkeit, Gelenkschmerzen und fehlende individuelle Betreuung „abgebügelt“ – interessanterweise spielt der finanzielle Aspekt nur in seltenen Fällen eine Rolle.

 

Option für Senioren: Ganzkörper-EMS
Insofern erscheint die Ganzkörper-Elektromyostimulation (Whole Body-EMS, WB-EMS) zumindest im derzeit empfohlenen Setting [1] als zeiteffektive, diskrete, gelenkschonende und sichere Option für den älteren, wenig sportaffinen Menschen, eigenverantwortlich Gesundheit und Leistungsfähigkeit positiv zu beeinflussen. Hinzu kommt, dass auch wissenschaftliche Kritiker des WB-EMS gerade wenig trainierte, leistungsschwache Personen als geeignete Zielgruppe für das WB-EMS ansehen – eine Einschätzung, die durch eine Vielzahl von Untersuchungen mit älteren Menschen und überwiegend positivem Untersuchungsergebnis [2] bestätigt wird.

 

Studienlage mit durchweg positiven Erkenntnissen
Im Detail zeigen sich neben positiven Effekten bei kardiometabolischen Größen wie beispielsweise kardiale Auswurfleistung, metabolisches Syndrom, Blutdruck sowie gesamtes und abdominales Körperfett, besonders bei Muskelmasse und -funktion Ergebnisse im Bereich eines intensiven Krafttrainings [3]. Sarkopenie, also der altersbedingte Verlust an Muskelmasse und funktionellen Leistungsgrößen, geht sehr eng mit hoher Sturzgefahr, Verlust der Selbstständigkeit, erhöhter Morbidität und Mortalität einher. Stürze mit Fraktur und besonders der Verlust der Selbstständigkeit sind für ältere Menschen der „Super-GAU“. Gerade im Spannungsfeld der Sarkopenie zeigen kürzlich durchgeführte Untersuchungen das hohe Potenzial des WB-EMS-Trainings [4,5] zur Erhöhung der funktionellen Kapazität von älteren Menschen (70 Jahre+) deutlich auf.

 

Ein ideales „Trainingstool“ für ältere Menschen
Auch die Muskelmasse, die neben der Muskelfunktion ebenfalls im Bereich der Thermoregulation und der Adipositas-Problematik eine wichtige Rolle spielt, wird über eine WB-EMS-Anwendung signifikant positiv beeinflusst. Begleitende Proteingabe im Bereich von 1,5-1,7 g/d/kg Körpergewicht erhöht diesen Effekt nochmals. Zudem zeigten die vorliegenden Untersuchungen mit älteren Menschen keine nennenswerten „unerwünschten“ Nebenwirkungen. Nennenswert ist jedoch, dass die Akzeptanz des WB-EMS durch die Senioren, zumindest in einem eng begleiteten Setting, sehr hoch ist. Insofern erscheint Ganzkörper-EMS-Training als ideales „Tool“ für ein gesundheitsorientiertes Training des älteren Menschen.

 

Ärztliche Kontrolle, Sicherheit und Verträglichkeit
Allerdings sind für ein erfolgreiches EMS-Training bei Senioren einige Punkte in besonderem Maße zu beachten. Besonders wichtig für die Anwendung von WB-EMS innerhalb der oft fragilen Gruppe älterer Menschen mit geringem Körpergefühl und fehlender Referenz für Belastungsreize, ist die Frage nach Sicherheit und Verträglichkeit.

 

Eine konsequente Überprüfung und Berücksichtigung von Ausschlusskriterien und medizinischen Kontraindikationen ist dabei unbedingt erforderlich. Bei Senioren, die eine ärztliche Freigabe für ein EMS-Training möchten, kann auch der überwiegend nicht WB-EMS-kundige Hausarzt über einen speziellen EMS-Informationsflyer mit Link zu zusätzlichen, neutralen Informationsmöglichkeiten in die Lage versetzt werden, eine belastbare Entscheidung pro oder contra WB-EMS zu treffen. Kooperationen zwischen Ärzten und EMS-Einrichtungen erleichtern die ärztliche Entscheidung durch die Kenntnis der Einrichtung und der Qualifikation des Personals.

 

Betreuungsschlüssel gemäß EMS-Richtlinien
Daneben halten wir die Anwendung der WB-EMS-Richtlinien nicht nur, aber ganz besonders für Senioren, für absolut verbindlich. Zentraler Punkt der Richtlinien ist eine sehr enge Betreuung, bei der maximal zwei Übende von einem Trainer betreut werden. Ältere, weder sport- noch technikaffine Menschen profitieren von dieser sehr engen Betreuung und Interaktion ganz besonders. Insofern ist ein enger Betreuungsschlüssel nicht nur hinsichtlich Sicherheit, sondern auch im Hinblick auf Effektivität ein absolutes Qualitätskriterium. Eine zentrale Rolle spielt dabei der gut ausgebildete, WB-EMS-lizensierte Trainer, der neben seiner EMS-Kompetenz möglichst auch als Ansprechpartner für Fragen zur körperlichen Aktivität und Ernährung zur Verfügung stehen kann. Die Zertifizierung von WB-EMS-Studios greift sämtliche dieser Punkte auf und kann somit besonders den Senioren als Wegweiser zur „richtigen“ Einrichtung dienen.

 

Großes Potenzial besser nutzen
Fasst man das sehr hohe Potenzial und die Besonderheiten eines WB-EMS-Trainings mit Senioren abschließend zusammen, verwundert es, dass seniorenspezifische Angebote oder zumindest eine seniorenspezifische Adressierung des bestehenden, z. T. definitiv qualitativ hochwertigen Angebots im gesundheitsorientierten WB-EMS derzeit kaum eine Rolle spielen.

 

PROF. DR. WOLFGANG KEMMLER


ist Forschungsdirektor am Institut für Medizinische Physik der Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Der Trainings- und Sportwissenschaftler gilt als ausgewiesener Experte in der trainingswissenschaftlichen Interventionsforschung sowie im Bereich alternative Trainingstechnologien mit Schwerpunkt Ganzkörper-Elektromyostimulation.

ems vs konventionell Wolfgang Kemmler

 

 

LITERATUR


1. Kemmler W, Froehlich M, von Stengel S, Kleinöder H (2016) Whole-Body Electromyostimulation – The Need for Common Sense! Rationale and Guideline for a Safe and Effective Training. Dtsch Z Sportmed 67:218-221.


2. Kemmler W, Weissenfels A, Willert S, Shojaa M, von Stengel S, Filipovic A, Kleinöder H, Berger J, Fröhlich M (2018) Efficacy and safety of low frequency Whole-Body Electromyostimulation (WBEMS) to improve health-related outcomes in non athletic adults. A systematic review. Frontiers of Physiology 9:573. doi: 10.3389/fphys.2018.00573.


3. Kemmler W, Teschler M, Weissenfels A, Fröhlich M, Kohl M, von Stengel S (2015) Ganzkörper-Elektromyostimulationst versus HIT-Krafttraining – Effekte auf Körperzusammensetzung und Muskelkraft. Dtsch Z Sportmed 66:321-327.


4. Kemmler W, Weissenfels A, Teschler M, Willert S, Bebenek M, Shojaa M, Kohl M, Freiberger E, Sieber C, von Stengel S (2017) Whole-body Electromyostimulation and protein supplementation favorably affect Sarcopenic Obesity in community-dwelling older men at risk. The Randomized Controlled FranSO Study. Clin Interv Aging 12.


5. Kemmler W, Teschler M, Weissenfels A, et al. (2016) Whole-body Electromyostimulation to Fight Sarcopenic Obesity in Community-Dwelling Older Women at Risk. Results of the Randomized Controlled FORMOsA-Sarcopenic Obesity Study. Osteo Int 27:3261–3270.